Das Netzwerk NSU [Nationalsozialistischer Untergrund]
Zusammenfassende Textsammlung aus diversen antifaschistischen Publikationen

Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru und Ismail Yasar aus Nürnberg, Süleyman Tasköprü aus Hamburg, Habil Kiliç und Theodoros Boulgarides aus München, Mehmet Turgut aus Rostock, Mehmet Kubasik aus Dortmund, Halit Yozgat aus Kassel und Michèle Kiesewetter aus Thüringen wurden zwischen 2001 und 2007 von Mitgliedern des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) ermordet. Unsere Anteilnahme und Solidarität gilt den Angehörigen und Freund_innen, die seit Jahren um Aufklärung der Verbrechen sowie der Hintergründe kämpfen und dabei häufig mit rassistischen Ermittlungen und Ignoranz konfrontiert waren.

Es klang wie das Ende einer Geschichte als am 4. November 2011 zwei Männer im thüringischen Eisenach tot in einem brennenden Wohnmobil aufgefunden wurden. Doch was die Ermittlungen der Sicherheitsbehörden und die Recherchen von Journalist_innen innerhalb weniger Tage zum Vorschein brachten, machte schnell deutlich: Der Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wird in die Geschichtsbücher eingehen, denn, so weiß man heute, er markiert einen traurigen Höhepunkt neonazistischen Terrors in Deutschland und das Versagen der Sicherheitsorgane.

Nur wenige Stunden nachdem die zwei Männer erfolgreich eine Bank in Eisenach überfallen hatten und kurz darauf Mundlos erst Böhnhardt und dann sich selbst erschossen haben soll, explodierte knapp 200 Kilometer entfernt, im sächsischen Zwickau ein Wohnhaus. Die Polizei fahndete in diesem Zusammenhang nach einer Frau, die kurz zuvor das Gebäude verlassen hatte: Beate Zschäpe. Sie stellte sich wenige Tage später, in Begleitung eines Anwalts, der Polizei. Noch bevor Polizei und Medien über die Zusammenhänge von Eisenach und Zwickau berichteten, vermuteten Kenner_innen der Neonazi-Szene einen Bezug zwischen den zwei Tatorten. Ihr Verdacht: Bei den zwei Männern und der Frau könnte es sich um ein bekanntes, seit 1998 untergetauchtes Neonazi-Trio aus dem thüringischen Jena handeln. Sie sollten recht behalten.

Rückblick

Das Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe ist den Behörden ebenso wie lokalen Antifaschisten_innen in Thüringen seit Mitte der 1990er Jahre bekannt. Als im April 1996 ein Puppentorso mit einem so genannten gelben Judenstern und einem Schild mit der Aufschrift »Vorsicht, Bombe!« an einer Autobahnbrücke bei Jena gefunden wird, fällt der Verdacht schnell auf Uwe Böhnhardt, doch die Ermittlungen dauern Monate und so setzt sich die Spur der Anfänge des neonazistischen Terrors ungehindert fort. Ende 1996 und Anfang 1997 tauchen drei Briefbombenattrappen mit Hakenkreuzen bei einer Lokalzeitung, der Stadtverwaltung und der Polizeidirektion in Jena auf. Die Polizei ermittelte in der Jenaer Neonazi-Szene und ihrem Umfeld, konnte jedoch keine Ermittlungserfolge vorweisen und stellte Mitte 1997 das Verfahren ein. Kurze Zeit später, im September desselben Jahres, wurde vor dem Jenaer Theater ein mit einem Hakenkreuz bemalter Koffer mit brisantem Inhalt gefunden: Er enthielt eine mit zehn Gramm TNT versehene funktionstüchtige Bombe, die aufgrund einer fehlenden Batterie nicht zündfähig war. Nur drei Monate später stellte die Polizei erneut einen Hakenkreuz-Koffer sicher. Diesmal auf einem Friedhof an einem antifaschistischen Mahnmal. Jedoch ohne TNT, sondern mit einem gefüllten Benzinkanister. Nur zwei Wochen vor dem letzten Fund wurde Uwe Böhnhardt rechtskräftig zu einer Haftstrafeverurteilt, u.a. aufgrund des Puppentorsos von 1996. Antreten musste er seine Haftstrafe trotz Verurteilung nicht. Am 26. Januar 1998 durchsuchten Ermittler_innen die Wohnungen und Garagen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. Da kein Haftbefehl vorlag und in den Wohnungen von Mundlos und Zschäpe keine belastenden Gegenstände gefunden wurden, die eine vorläufige Ingewahrsamnahme gerechtfertigt hätten, fand keine Verhaftung statt. Böhnhardt führte die Fahnder an diesem Tag zu einem Garagenkomplex und entfernte sich noch während der Durchsuchung, bei der 1,4 kg TNT und vier funktionsfähige Rohrbomben beschlagnahmt wurden, scheinbar problemlos vom Ort des Geschehens. Seit diesem Zeitpunkt war das Trio auf der Flucht. Trotz unzähliger Hinweise, intensiver Ermittlungen und der Tatsache, dass Teilen der Sicherheitsbehörden zwischenzeitlich die Aufenthaltsorte bekannt gewesen sein sollen, erfolgte keine Verhaftung. Letztlich wurde die Fahndung gegen die drei im Zusammenhang mit dem Sprengstofffund im Jahr 2003 eingestellt. Nach Böhnhardt wurde allerdings noch bis 2007 aufgrund der Verurteilung aus dem Jahr 1997 gefahndet – auch international.

Deutsche Zielfahnder orteten Mitglieder der Gruppe nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im September 1998 im ungarischen Budapest und im August 2000 in Bulgarien. Nach Informationen anderer Medien sind Fahnder auch auf Spuren in die Schweiz gestoßen. Demnach soll sich das Trio seit seinem Untertauchen wiederholt dort aufgehalten haben und dabei offensichtlich auch von Schweizer Neonazis unterstützt worden sein. Aus Sicherheitskreisen hieß es zudem, dass es knapp 100 anonyme Hinweise auf Ungarn gab und etwas später einige auf Südafrika. Das BKA sei einem Hinweis in Südafrika ergebnislos nachgegangen. Man muss allerdings keine ausgewiesene Szenekennerin sein, um im Falle eines Aufenthalts des Trios in Südafrika Claus Nordbruch als eine erfolgversprechende Spur bezeichnen zu können. Der extrem rechte Autor kommt ursprünglich aus Deutschland und lebt seit 1986 in Pretoria in Südafrika. Nordbruch war im September 1999 als Referent in Jena beim Thüringer Heimatschutz (THS). 2000 gab er dem deutschsprachigen Neonazi-Fanzine »Blood & Honour« ein Interview, in dem er zum Besuch seiner Farm in Südafrika einlud und öffentlich zum Gebrauch von Waffen aufrief: »Zur Verteidigung und zum Nahkampf empfehle ich eine 12er Repetierschrotflinte, den Colt Python. 357 Magnum, die Heckler & Koch MP5. Für die Jagd hat sich ein halbautomatischer Karabiner 308 oder 30.06 bewährt und wenn’s ganz massiv kommt, ist das Sturmgewehr R 5 überaus nützlich.« Mehrere Thüringer Neonazis sollen sich laut Medienberichten im Jahr 2000 auf seiner Farm in Südafrika aufgehalten haben. Ob Nordbruch in diesem Zusammenhang überprüft wurde, ist bisher nicht bekannt.

»Taten statt Worte«

Eine Woche dauerte es, bis das Ausmaß der Taten des Trios bekannt wurde. In den Trümmern des Zwickauer Wohnhauses und dem Wohnmobil in Eisenach fand die Polizei gleich mehrere Schusswaffen, die zu bisher ungeklärten Mordtaten führten. So wurde die Tatwaffe für eine Mordserie an neun migrantischen Kleinunternehmern gefunden, die zwischen 2000 und 2006 von Hamburg bis München hingerichtet wurden. Jahrelang tappten die Ermittler im Dunkeln und suchten die Täter nicht in Neonazi-Kreisen, sondern innerhalb der migrantischen Community. Auch der Fall der 2007 erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter und ihres schwerverletzten Kollegen scheint mit dem Auffliegen der Terrorzelle geklärt. Ebenso geht ein Anschlag aus dem Jahr 2004 auf das Konto der Neonazis. Damals explodierte in einer überwiegend von Migrant_innen bewohnten Straße in Köln eine Nagelbombe und verletzte 22 Menschen zum Teil schwer.

»Taten statt Worte« schrieb die NSU in einer zu Propagandazwecken gefertigten DVD hierzu. Diese professionell hergestellte DVD wurde aus Sequenzen der Trickfilmserie »Der rosarote Panther«, aus Ausschnitten der Fernsehberichterstattung zur Mordserie, aber auch aus eigenen Tatort-Fotos zusammengestellt. Mehrere Bilder werden hier zur Schau gestellt, bei denen Fotos der Leichen ihrer Opfer zu sehen sind. Das AIB hat sich bewusst entschieden, keine Sequenzen dieses Films abzudrucken, um diese blutige und menschenverachtende Propaganda auf Kosten der Opfer und ihrer Angehörigen nicht weiter zu reproduzieren. Eine weitere Szene zeigt eine Nagelbombe, wie sie beim Anschlag in Köln benutzt wurde. Diese DVD war noch kurz vor dem Auffliegen der NSU-Zelle erstmals an einige migrantische und linke Parteiadressen verschickt worden. Möglicherweise war eine noch größere Verschickungsaktion geplant. Die Ermittlungsbehörden fanden rund 10.000 entsprechende Adressen in der ausgebrannten NSU-Wohnung.

In Anbetracht des hohen Aufwands und des nicht unerheblichen Entdeckungsrisikos (z.B. eigene Tatortfotos) für diese DVD-Produktion erscheint es plausibel, dass die DVD ein Kernstück des NSU-Terrors darstellt. Es hätte einen massiven Einfluss auf das gesellschaftliche Klima und auf das Lebensgefühl von Migrant_innen in Deutschland gehabt, wenn diese oder weitere DVDs der NSU in Deutschland kursiert wären – mit dem Wissen, dass die Sicherheitsbehörden nicht in der Lage oder gewillt waren, die rassistischen Täter zu stoppen.


Spur des Terrors – Graphik aus dem Antifaschistischen Info Blatt (AIB)

UnterstützerInnenumfeld

Rund 20 Personen soll das UnterstützerInnenumfeld des NSU umfassen, das neben Waffen, auch Bahncards und Ausweise organisiert oder zur Verfügung gestellt haben soll. Die bisher in diesem Zusammenhang verhaften, sind André Eminger aus Johanngeorgenstadt, sowie Holger Gerlach und Ralf Wohlleben aus Jena. Die beiden Letztgenannten gehörten in den 1990er Jahren gemeinsam mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe der elitären »Kameradschaft Jena« an, deren innerer Kreis aus nur rund drei weiteren Mitgliedern bestand. Während Holger Gerlach Ende der 1990er Jahre nach Niedersachsen zog und sich dort in der Kameradschaftszene engagierte, blieb Wohlleben in Jena und wurde zu einem der führenden Neonazi-Kader in Thüringen, der lange Zeit als Bindeglied zwischen der NPD (wo er im Landesvorstand aktiv war) und den »Freien Kräften« galt.

Das Netzwerk der »Kameradschaft Jena« wuchs in der Mitte der 1990er Jahre mit der Gründung des »Thüringer Heimatschutzes« (THS). Unter diesem Namen traten Thüringer Neonazis erstmals in den Jahren 1996 bis 1997 auf. Der THS gilt als Nachfolger der bereits Jahre zuvor gegründeten »Anti-Antifa Ostthüringen«. Vor allem in den Städten Jena, Gera, Saalfeld, Rudolstadt und Eisenach war das Netzwerk besonders aktiv und konnte mit rund 160 AnhängerInnen im gesamten Freistaat Aktionen und Demonstrationen durchführen. Viele THS-Funktionäre waren Mitglieder in der NPD und JN und besetzten wichtige Positionen auf landes- und kommunaler Ebene. Auf der einen Seite war das Neonazi-Netzwerk für die Verhältnisse in der damaligen Szene hervorragend organisiert und galt als Musterbeispiel für die Funktionsweise einer freien Kameradschaftsstruktur. Auf der anderen Seite wurde 2001 bekannt, dass der THS auch eine der am besten durch den Verfassungsschutz überwachten Strukturen darstellte. So enthüllten lokale Medien, dass der Gründer und Chef des THS, der Neonazi Tino Brandt, als V-Mann für den Geheimdienst arbeitetet. Brandt räumte nur wenige Tage nach seiner Enttarnung gegenüber dem SPIEGEL ein, seit 1994 für die Behörde gearbeitet zu haben. Dabei habe er einen Großteil des Geldes, rund 200.000 DM, zur Finanzierung der Szene eingesetzt.

Ralf Wohlleben – eine Schlüsselfigur!

Am 30. November 2011 wurde der frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben (36) in Jena als NSU-Unterstützer verhaftet. Einige Tage zuvor war bereits seine Wohnung durchsucht worden. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft stand er bereits in den 1990er Jahren in enger Verbindung zu den drei Mitgliedern des »NSU« und soll diese bei ihrer Flucht im Jahr 1998 und in der Folge finanziell unterstützt haben. Zudem vermittelte er den Kontakt zwischen den »NSU«-Mitgliedern und dem weiteren NSU-Helfer Holger Gerlach, der ihnen Geld und Ausweisdokumente überließ. Aufgrund seiner anhaltenden Verbindung zu der unter falscher Identität lebenden NSU-Gruppe wusste er von ihren terroristischen Straftaten. Wohlleben ist laut BAW dringend verdächtig, dem »NSU« 2001 oder 2002 eine Schusswaffe nebst Munition verschafft zu haben. Er soll Waffe und Munition einem Kurier übergeben haben, der sie in seinem Auftrag zu den »NSU«-Mitgliedern nach Zwickau brachte. Nach SPIEGEL-Informationen soll Holger Gerlach dieser Kurier gewesen sein. Dabei nahm Wohlleben billigend in Kauf, dass die Schusswaffe für rechtsextremistische Morde verwendet werden könnte, heißt es in einer Mitteilung des Generalbundesanwalts. Wohlleben stammt aus der selben Neonaziclique wie das NSU-Trio in Jena. Gemeinsam mit Holger Gerlach und André Kapke waren sie in der »Kameradschaft Jena« und im »Thüringer Heimatschutz« aktiv. Wohlleben machte Karriere in der NPD: Vorsitzender des NPD-Kreisverbands Jena, regionaler NPD-Pressesprecher und schließlich Landesvize der NPD in Thüringen. Im März 2000 wurde er mit André Kapke wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung verurteilt (Vgl. AIB #47). 2002 pachtete er zusammen mit Kapke und dem Neonazi-Liedermacher Maximilian Lemke die Gaststätte »Zum Löwen« in Jena/Alt-Lobeda – das sogenannte »Braune Haus« (vgl. AIB #59). Wohlleben arbeitete als selbständiger Gestalter von Internetseiten und war u.a. über seinen Server »Netzspeicher24« innerhalb der Neonaziszene als entsprechender Anbieter bekannt.

Der NSU und Claus Nordbruch – eine Schlüsselfigur?

Im Zusammenhang mit der Aufdeckung einer neonazistischen Mordserie in der Bundesrepublik, begangen von einer Gruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), fiel auch mehrmals der Name eines Autors im extrem rechten Grabert- und Hohenrain-Verlags mit Sitz in Tübingen.

Gemeint ist Claus Nordbruch, Jahrgang 1961. Nordbruch war 1982-86 Bundeswehr-Panzergrenadier und wanderte 1986 nach Südafrika aus, das damals von einer rassistischen, weißen Minderheit regiert wurde. Im Südafrika unter der Apartheits-Herrschaft absolvierte Nordbruch eine Ausbildung zum Fallschirmspringer und promovierte im Jahr 1995 an der Universität in Pretoria.

Nordbruch lebt heute in Wien und Südafrika, wo er eine Farm betreibt. Auf genau diese Farm lud Nordbruch im Jahr 2000 in dem Nazi-Skinzine „Blood & Honour“ deutsche Neonazis zum Waffentraining ein. Im Interview mit „Blood & Honour“ 9/2000 gab er damals auch direkte Waffentipps:
„Zur Verteidigung und zum Nahkampf empfehle ich eine 12er Repetierschrotflinte, den Colt Python 357 Magnum, die Heckler & Koch MP 5. Für die Jagd hat sich ein halbautomatischer Karabiner 308 oder 30.06 bewährt und wenn’s ganz massiv kommt, ist das Sturmgewehr R 5 überaus nützlich.“
Die Einladung nach Südafrika sollen unbestätigten Presseberichten nach auch die drei damals Untergetauchten Zschäpe, Bönhardt und Mundlos wahrgenommen haben. Durch den NSU-Unterstützer und ehemaligen thüringischen NPD-Landesvize Ralf Wohlleben soll dem Nazi-Kader André Kapke 1999 der Auftrag erteilt worden sein, von den durch Soli-Konzerte eingenommenen knapp 4.000 DM Pässe zu besorgen, damit sich das untergetauchte Trio nach Südafrika absetzen konnte. Da sie mit Hilfe von Unterstützer_innen und vermutlich auch vom Verfassungsschutz offenbar über Pässe verfügt haben, wären die drei Flüchtigen damals tatsächlich in der Lage gewesen nach Südafrika zu reisen.
Fest steht jedenfalls heute, dass sich Thüringer Neonazis im Jahr 2000 auf Nordbruchs Farm aufgehalten haben, unklar ist um wen es sich dabei im Einzelnen handelt.
Aus dem NSU-Unterstützernetzwerk kennt Nordbruch nachweislich André Kapke und den als V-enttarnten Mann Tino Brandt. Genau dieser V-Mann und bis heute überzeugte Neonazi hatte seine VS-Beichte bei Nordbruch, vermutlich während seines Südafrika-Aufenthalts 2001.
Auch zum braunen Sumpf des „Thüringer Heimatschutz“ aus dem der NSU entstieg hat Nordbruch gute Kontakte. Am 19. September 1999 hielt Nordbruch für den „Thüringer Heimatschutz“ unter dem Deckmantel eines „Bildungswerk für Politik und Kultur“ im Stadtteilzentrum Lisa in Jena-Lobeda einen Vortrag über den Verfassungsschutz.

Helmut Roewer – Eine Schlüsselfigur?

Welche Rolle spielte Helmut Roewer tatsächlich? Verschiedene Indizien sprechen für stramm rechte Gesinnung des ehemaligen Thüringer Verfassungsschutzchefs

Die bisherigen Erkenntnisse zu dem von den Neofaschisten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe geführten »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) sprechen dafür, daß die von den Behörden geduldeten – wenn nicht gar geförderten – Terrorakte ihren Ursprung in den 1990er Jahren in Thüringen hatten. Dies und deren weitere Entwicklung war offenbar maßgeblich mit dem skandalumwitterten damaligen Behördenleiter Helmut Roewer verbunden.

Der ehemalige Bundeswehr-Panzeroffizier, der heute im als rechtsextrem eingestuften Ares-Verlag aus Graz publiziert, war von 1994 bis Herbst 2000 Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes (VS). Er fühlt sich offenbar seit jeher berufen, den Kampf gegen die politische Linke aufzunehmen, während die Beobachtung der »rechten Szene« unter seiner Leitung kostenintensiv, aber wenig ergiebig war.

Vielleicht fotografiert?!

So gilt als gesichert, daß der Geheimdienst Kenntnis von den neofaschistischen Aktivitäten der späteren »NSU«-Terroristen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe hatte, die bereits vor ihrem Untertauchen 1998 zur rechten Stammklientel in Jena gehörten und schon im Oktober 1996 mit antisemitischen Aktionen und ein Jahr darauf mit Bombenbasteleien von sich reden machten.

Allein beim Thüringer VS tauchten, der die NSU angeblich aus den Augen verloren hatte, nun über Nacht 24 Aktenordner dazu auf. Die Behörde bleibt jedoch die Antwort auf die Frage schuldig, wie es den drei Terroristen überhaupt gelingen konnte, im Januar 1998 während und nach einer Hausdurchsuchung und unter den Augen des V-Mannes Tino Brandt – oder mit dessen Hilfe – unterzutauchen. Brandt galt damals als führender Kopf des neofaschistischen »Thüringer Heimatschutzes« (THS) und war zugleich in der NPD aktiv. Er wurde von 1994 bis zu seiner Enttarnung 2001 als VS-Informant mit insgesamt etwa 200000 D-Mark für seine Zusammenarbeit mit dem Inlandsgeheimdienst belohnt (jW berichtete).

Roewer erklärte am Mittwoch im MDR, daß er für die erfolglose Zielfahndung 1998 als damaliger Behördenleiter in Thüringen die Verantwortung trage. Noch vor wenigen Tagen hatte er alle Schuld auf die Polizei abgeschoben. Roewer beharrte darauf, daß Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zu seiner Zeit als Chef keine Quellen des Thüringer VS gewesen seien und von diesem auch nicht mit amtlichen Falschpapieren versorgt wurden. »Ich kann nicht ausschließen, daß sie bei einer der vielen Observationsmaßnahmen irgendwo vielleicht mal fotografiert oder absichtlich fotografiert, aber nicht erkannt worden sind«, äußerte Roewer außerdem in einem am Dienstag ausgestrahlten Fernsehbeitrag. Schließlich seien ja »riesige Aktenberge dazu entstanden«.

Die Glaubwürdigkeit der Einlassungen Roewers, der behauptet, daß es in der letzten Zeit Versuche gegeben habe, in seine Wohnung einzudringen, ist nicht besonders hoch. Im Jahr 2000 war er unter anderem suspendiert worden, weil er höchst eigenwillig mit der Zahlung von Honoraren für die V-Leute der Behörde hantiert haben soll. Ein gegen Roewer geführter Prozeß wegen Untreue war 2008 aufgrund seiner angeblich dauerhaften Verhandlungsunfähigkeit erst vorläufig – und 2010 gegen Zahlung einer Geldstrafe von 3000 Euro endgültig eingestellt worden.

Unproblematische Neonazis

Unter der Leitung Roewers produzierte der Thüringer VS seinerzeit einen Film zu »politischem Extremismus« für den Schulunterricht. Darin wurden autonome Antifaschisten als gewaltbereit diffamiert, ausgerechnet der V-Mann und »THS«-Kopf Tino Brandt gab aber in dem Streifen ein Bekennntis zu prinzipieller Gewaltlosigkeit ab. Für die Affinität zu Lieblings-V-Leuten wie Brandt sprechen auch andere Details im Fall Roewer. In einem 2010 im Ares-Verlag erschienenen Buch vertritt er z. B. die Präventivkriegsthese für den deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941, d. h. die in Bundeswehr und deutschen Amtsstuben äußerst populäre Auffassung, Hitler sei mit seinem Überfall nur einem Angriff Stalins zuvorgekommen. Außerdem war Roewer bereits 1999 mit der öffentlichen Äußerung aufgefallen, daß der sogenannte Nationalsozialismus »gute und auch schlechte Seiten« gehabt habe und Neonazis im Gegensatz zu Antifaschisten »unproblematische Gruppen« seien.


die Nazi-TerroristInnen

Thomas „Ace“ Gerlach – eine Schlüsselfigur!

Der Altenburger Neonazi Thomas Gerlach, geb. am 18.01.1979, wohnhaft in Meuselwitz, genannt „Ace“, gilt als Schlüsselfigur des Helfernetzwerks im Umfeld des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Neben dem bereits verhafteten Ralf Wohlleben ist er einer der bekanntesten Neonazis Thüringens – und als Mitbegründer und Anführer des militanten „Freien Netzes“ tonangebend in der Szene, auch über die Landesgrenzen hinaus.

Nun verdichten sich die Hinweise, dass das NPD-Mitglied Thomas Gerlach über die NSU frühzeitig bescheid wusste. In mehreren Neonazi-Foren verwendete Gerlach schon vor sechs Jahren das Passwort „struck-mandy“, also den Namen der mutmaßlichen NSU-Helferin aus Johanngeorgenstadt.

Mandy Struck hatte der Rechtsterroristin Beate Zschäpe ihre Identität zur Verfügung gestellt und mit ihrem damaligen Freund Kay S. im September 2000 zu einem konspirativen Treffen in einer Chemnitzer Privatwohnung eingeladen.

Mandy Struck: Gerlachs Verbindung zum NSU-Helfernetzwerk

Ein Neonazi-Forum namens „HatecoreTK“ wurde Ende 2005 durch Unbekannte gehackt. Dabei wurden zum einen Nutzerdaten offengelegt, zum anderen aufgedeckt, dass auf demselben Server noch ein weiteres, geheimes Forum installiert war: das der „Freien Kameradschaften Rhein-Neckar“ und des „Aktionsbüro Rhein-Neckar“. In diesem geschlossenen Bereich schrieben ausgesuchte Neonazikader. Durch die Auswertung wurde bekannt, dass in diesem Forum die Weiterführung des verbotenen „Blood & Honour“-Netzwerks koordiniert wurde.

Thomas Gerlach war in beiden Foren mit seinem Spitznamen „Ace“ angemeldet. Er verwendete für beide Accounts das Passwort „struck-mandy“. Das bedeutet, dass Gerlach seit mindestens sechs Jahren mit Mandy Struck bekannt sein muss. Zeitweise nutzte Gerlach ihren Namen auch als Zugang für seine privaten E-Mail- Accounts.

Ebenfalls Ende 2005 wurde eine Website namens „M-G-K“ („Mitteldeutscher Gesprächskreis“) gehackt, sie diente als Plattform der NPD-Thüringen und wurde von Ralf Wohlleben betrieben. Dort war ein ebenfalls von Wohlleben verwaltetes Forum installiert, in dem Gerlach angemeldet war – wieder mit demselben verräterischen Passwort.

Sowohl Thomas Gerlach als auch Mandy Struck waren Mitglied der mittlerweile verbotenen Neonazi-Organisation HNG (Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V.).

Politische Entwicklung bis 2006

Bereits in den 1990er Jahren agierte Thomas Gerlach im „Thüringer Heimatschutz“, aus dieser Zeit rühren intensive Kontakte mit Ralf Wohlleben und André Kapke. Um das Jahr 2000 gehörte Gerlach zu den Herausgebern der Szene-Zeitschrift „Ace of Spades – Ostthüringer Briefe“. Dieses so genannte Fanzine wies klare Bezüge zur neonazistischen Skinhead- und Rechtsrock Szene in Westsachsen auf; der Titel des Heftes wurde fortan Gerlachs Spitzname.

Wegen gefährlicher Körperverletzung musste er sich vor Gericht verantworten und erhielt eine Haftstrafe über dreieinhalb Jahre. Im Gefängnis gründete er gemeinsam mit dem ebenfalls in Gräfentonna einsitzenden Neonazi Marco Z. aus Suhl den „Kameradschaftsbund für Thüringer POWs“ („prisoners of war“, Kriegsgefangene). Diese Vereinigung gab 2002 eine Broschüre namens „Im Geiste frei“ heraus, auf dem Cover prangte ein Logo der mittlerweile verbotenen HNG, in der sich Gerlach fortan aktiv einbrachte.

Gerlachs „Kameradschaftsbund“ agierte noch bis 2004, hatte aber keine nennenswerte öffentliche Wirkung. Das änderte sich nach seiner vorzeitigen Haftentlassung, fortan galt er als Kopf der „Freien Kräfte“ außerhalb der NPD. Ende 2004 gründet er die Kameradschaft „Nationale Sozialisten Altenburger Land“, deren harter Kern etwa 15 bis 20 Personen umfasste. Diese traten, je nach Anlass, auch als „Nationale Sozialisten Ostthüringen/Westsachsen“ mit einem Einzugsgebiet bis nach Zwickau auf oder wählten, etwa anlässlich der Proteste gegen die Hartz-IV-Gesetze, unscheinbarere Tarnnamen wie „Bürgerinitiative Schöner Wohnen Altenburger Land“ oder „Initiative – Meinungsfreiheit auch für Deutsche“.

Aus der Kameradschaft „Nationale Sozialisten Altenburger Land“ ging später das „Freie Netz Altenburg“ hervor. In Thüringen engagierte sich Gerlach ab 2005 zudem in der „Antikapitalismus-Kampagne“, die wesentlich von Ralf Wohlleben vorangetrieben wurde. Er wurde ferner Mitorganisator des „Fest der Völker“ und des „Thüringentages der Nationalen Jugend“. Im Jahr 2005 half Gerlach bei der Verteilung der so genannten „Schulhof- CD des Nationalen Widerstandes“ (Titel: „Anpassung ist Feigheit“), die in einer Auflage von 50.000 Stück konspirativ gefertigt, aber umgehend verboten worden war. Wegen seiner Beteiligung am Projekt stand Gerlach 2009 vor Gericht. Auch an der Verbreitung einer bundesweiten Neonazi-Schülerzeitung namens „invers“ war Gerlach zu jener Zeit beteiligt.

Zudem engagierte sich Gerlach – neben Szenegrößen wie Christian Worch und dem verstorbenen Neonazi- Anwalt Jürgen Rieger – im „Freundeskreis Halbe“, der mehrere Großaufmärsche organisierte. 2006 stieg Gerlach außerdem zum „Organisationsleiter“ des 2008 aufgelösten „Kampfbundes Deutscher Sozialisten“ (KDS) auf, der sich als nationalsozialistische Avantgarde-Organisation in Tradition Michael Kühnens verstand und dem wiederum Personen wie Christian Worch sowie der als „Hitler von Köln“ bezeichnete Axel Reitz angehörten.

Über die Ziele und Erfolge seiner politischen Arbeit berichtete Gerlach 2008 in einem Interview mit dem Schweizer Neonazi Mario Friso:“ […] die Zahl der Aktivisten hat sich deutlich gesteigert. Besonders in Mitteldeutschland hat man teilweise in Landkreisen 100 Leute oder mehr, die man mobilisieren kann für politische Aktionen, und das ist genau richtig und wichtig! Ich sehe uns – hier in Mitteldeutschland zumindest – auch bereits deutlich in der Mitte der Gesellschaft. Man ist akzeptiert und kann sich frei bewegen und arbeiten […] Ziel ist weiterhin die Landkreise logistisch möglichst autonom und unabhängig zu machen, damit die Regionen und Kreise alleine schnellstmöglich reagieren können, wenn es tagespolitisch notwendig wird. Auf Demonstrationen und Veranstaltungen unterstützen wir uns gegenseitig und haben derzeit auch ca. 300 Aktivistinnen und Aktivisten, die wir intern und recht schnell einsetzen können.“

Gerlach pflegt intensive Kontakte in die internationale Naziszene, besonders die Schweiz. Dort war er 2006 Gast des Parteitags der neonazistischen „Partei National Orientierter Schweizer“ (PNOS). Mit dem PNOS- Funktionär Mario Friso – er gehört zum militanten Flügel der dortigen Naziszene und leitet im Berner Oberland „Freie Kräfte“ nach deutschen Vorbild an – besteht ein freundschaftliches Verhältnis: Auf Einladung Gerlachs referierte Friso im Oktober 2008 bei einer Neonazi-Veranstaltung in Zwickau. Dazu eingeladen hatte Gerlach im Namen des „Freien Netzes Zwickau“ sowie der ehemalige NPD-Landtagsabgeordnete Peter Klose.

Eine weitere Schnittmenge von Gerlach und Friso: Beide sind in der neonazistischen Musik-Szene aktiv – Gerlach bei den „Hammerskins Westsachsen“ , Friso bei den „Schweizer Hammerskins“ (SHS/ Crew 38).

In den vergangenen Tagen war spekuliert worden, dass die Waffe, die Gerlachs Vertrauter Ralf Wohlleben den untergetauchten NSU-Terroristen per Kurier geschickt hatte, aus der Schweiz kommen soll. Zudem sollen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gemeinsam in den Ostseeurlaub gefahren sein – mit einem PKW mit Schweizer Kennzeichen.

Gründer und Anführer des „Freien Netzes“

Anfang 2007 gründete Gerlach zusammen mit Maik Scheffler das „Freie Netz“, die Planungen dafür begannen schon im Vorjahr. Maik Scheffler war seinerzeit bereits führender Kopf der sächsischen Kameradschaftsszene. Heute ist er als stellvertretender Vorsitzender des sächsischen NPD-Landesverbandes das wichtigste Bindeglied zwischen der NPD und der Szene der „Freien Kameradschaften“. Diese organisieren sich hauptsächlich im „Freien Netz“. Dessen Aufbau – die Zusammenfassung lokaler Zellen in einem Führungsgremium aus „Kameradschaftsführern“ – ist an das Konzept des „Thüringer Heimatschutzes“ (THS) angelehnt und geht auf Gerlachs Erfahrungen aus THS-Zeiten zurück.

Obwohl das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz das „Freie Netz“ seither als reine „Informationsplattform“ bezeichnet, ist dieser Organisation nicht nur die überregionale Vernetzung gewaltbereiter Kameradschaften aus Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Nordbayern gelungen, sondern auch deren Ausdehnung.

Wo noch keine FN-Zelle existierte, griff Gerlach persönlich ein: Anfang 2007, also kurz nach der Gründung des „Freien Netzes“, schickte er vier Neonazis aus der Region Altenburg – Michael Frenzel, Sören Leibnitz, Benjamin Klein und Daniel Pescheck – für Aufbauarbeiten und zur Unterstützung der dortigen rechten Szene nach Zwickau. Aus dieser Expedition ging die bekannte Nazi- Wohngemeinschaft in der Zwickauer Bahnhofstraße 5 hervor. Auch wenn die Besetzung mittlerweile teilweise gewechselt hat, wohnen dort noch immer führende Köpfe der jungen Zwickauer Naziszene – Gerlach hat sie erfolgreich rekrutiert. Er selbst war an zahlreichen Aktionen des „Freien Netzes“ beteiligt – als Anmelder, Organisator, Ordner und Redner.

Über den Charakter des „Freien Netzes“ referierte Gerlach im Oktober 2008 auf Einladung des Zwickauer NPD-Kreisverbandes. In einem vermutlich von ihm selbst verfassten Bericht heißt es zum Vortrag: „Im Anschluss sprach Thomas Gerlach, regionaler Aktivist aus dem Altenburger Land, zu den Anwesenden und referierte hauptsächlich zum Thema “Freies Netz” und zur parteifreien Organisation von Aktionsgruppen. Hier wurde unter anderem deutlich, dass der Netzwerkgedanke des FN eben keine “Bewegung in der Bewegung” sein soll, sondern hier logistische und personelle Auf- & Ausbauarbeit mit dem Ziel regionaler Unabhängikeit Ziel ist um Verboten oder staatlichen Repressalien die Möglichkeit von greifbaren Erfolgen zu entziehen! ‚Wenn wir es schaffen, die Landkreise mittelfristig mit eigener Logistik auszustatten und rhetorisch fähiges Personal herausbilden, damit die Gruppen eigenständig handeln und arbeiten können, dann wird jedes Verbot ins Leere laufen! Das muss Ziel aller Gruppen sein!‘ sagte Thomas Gerlach.“ [2]

Neben dem „Freien Netz“ engagierte sich Gerlach in der geschichts-revisionistischen „Gedächtnisstätte“ in Borna bei Leipzig. Hier hatte sich ein gleichnamiger Verein zum Gedenken „an unsere zivilen Opfer des Zweiten Weltkrieges durch Bomben, Verschleppung, Vertreibung und in Gefangenenlagern“ niedergelassen. Dem Verein gehören bekannte Neonazis an, Mitgründerin ist die verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck- Wetzel. Gerlach arbeitete 2009 als Hausmeister in der „Gedächtnisstätte“. Der Verein zog indes 2009 wieder aus und bezieht derzeit das Rittergut in Guthmannshausen (Thüringen) als neues Domizil.

Explizite Äußerungen im internen „Freies Netz“-Forum

Gerlach war als Anführer und Mitbegründer des „Freien Netzes“ auch in einem internen Forum dieser Gruppierung angemeldet und fungierte dort unter dem Decknamen „Hugo“ als Administrator. Daten aus diesem geheimen Forum wurden Anfang November veröffentlicht. Innerhalb von nur drei Monaten schrieb Gerlach in diesem Forum, in dem 20 weitere so genannte „Kameradschaftsführer“ aktiv waren, darunter Ralf Wohlleben, immerhin 348 Beiträge.

Darunter befinden sich etliche Einladungen zu internen Vortrags- und Schulungsveranstaltungen, die offenbar von Gerlach organisiert wurden. Das ist aber nur der harmlose Teil: Ebenfalls im Forum übernimmt er die Koordinierung des „Ordnerdienstes“ für den Naziaufmarsch am 13. Februar 2009 in Dresden; diese Gruppe wurde aus den Reihen des „Freien Netzes“ rekrutiert und dient mittlerweile der NPD als regelrechte Saalschutz-Abteilung. Hinsichtlich des 13. Februar wartet Gerlach denn auch mit einem Vorschlag auf, der für sich selbst spricht: „Wir haben uns überlegt die Polizeiwache anzugreifen und abzufackeln!“ Zum „politischen Gegner“ – neben AntifaschistInnen hält Gerlach alle DemokratInnen dafür – fällt Gerlach ein: „Sollen Sie uns angreifen, wenn sie wollen! Wir greifen sie doch auch an, wenn wir können“. Unterdessen solle man sich auf linken Websites „in die Kommentare einklinken und bissel Stimmung machen“.

Am politischen Hintergrund lässt Gerlach im Forum keine Zweifel. Beispielsweise schreibt er: „Wir haben 60 Jahre Dummerziehung und eine komplette Neuordnung der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Geopolitik hinter uns! Begreift Ihr das nicht oder wollt Ihr Eure Kinder in 10 Jahren den Juden, Muslimen oder Kapitalisten ausliefern“.

Auch zur NPD findet Gerlach deutliche Worte, spricht hinsichtlich der Partei von einem „Sauhaufen“ und „Freaks“. „Dieses Affentheater in Sachsen wird sich nicht beenden lassen solange Apfel & Gansel da oben am rumpfuschen“ sind; Absprachen mit „diesen Leuten“ seien ohnehin „keinen Pfifferling“ wert. Er selbst betrachtet die Partei – trotz eigener Mitgliedschaft – nur „als Instrument für UNSEREN politischen Kampf“.

Als der mittlerweile verhaftete Ralf „Wolle“ Wohlleben – als Vertreter des „Freien Netzes Jena“ – ins Forum aufgenommen wird, begrüßt ihn Gerlach mit den Worten: „Heil Wolle!“

Mitglied der „Hammerskins“

Gerlach gehört den „Hammerskins“ an, einem 1986 in den USA gegründeten, international aktiven Neonazi- Netzwerk mit einer vergleichbaren Ausrichtung wie „Blood & Honour“. 1993 wurde die Gründung der „Hammerskin-Sektion Sachsen“ in einer Szenezeitschrift namens „Hass-Attacke“ bekannt gegeben – illustriert mit dem „Hammerskin“-Logo, dem Emblem der terroristischen „Blood & Honour“-Gruppierung „Combat 18“ sowie dem SS-Slogan „Unsere Ehre heißt Treue“.

Herausgeber der Zeitschrift „Hass Attacke“ und fortan sächsischer „Hammerskin“-Anführer war der Sebnitzer Neonazi Mirko Hesse, der mit Gerlach persönlich bekannt ist, als V-Mann tätig war und 2001 eine mehrjährige Haftstrafe antreten musste.

In den 90er Jahren pflegte Hesse enge politische Kontakte nach Westsachsen, insbesondere in die Gegend um Zwickau und Chemnitz. Dort organisierte eine Gruppierung namens „CC 88“ (CC für „Chemnitz Concerts“, 88 für „Heil Hitler“), die „Blood & Honour“ nahe stand, rechte Skinhead-Konzerte und baute noch heute aktive Versandstrukturen auf; u.a. ging daraus der Vertrieb „PC Records“ des Ex-“CC 88“-Mitglieds Yves Rahmel hervor. Mindestens eine Person, die als NSU- Helfer gilt und deswegen von einer Hausdurchsuchung betroffen war – der heute in Dresden wohnhafte Max F. B. – gehörte seinerzeit zu „CC 88“. Offenbar haben die untergetauchten NSU-Mitglieder Konzerte im Raum Chemnitz besucht, die von „CC 88“ organisiert worden waren.

Nachdem im Jahr 2000 die „Division Deutschland“ des „Blood & Honour“-Netzwerkes verboten wurde, fungierten die „Hammerskins“ – darunter Gerlachs Untergruppierung „Hammerskins Westsachsen“ – fortan als Ersatz- und Nachfolgeorganisation. Seitdem 2001 auch gegen die „Hammerskins“ Ermittlungen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung eingeleitet, allerdings rasch auch wieder eingestellt wurden, verzichten Neonazis zumindest innerhalb Deutschlands auf eine offene Bezugnahme.

Gerlachs Verbindungen in dieses Spektrum ist dennoch durch neuere Fotografien belegt, die ihn beispielsweise mit „Hammerskin“-T-Shirt zeigen. Unter anderem besuchte er gemeinsam mit Maik Scheffler internationale „Hammerskin“-Treffen, u.a. in Portugal, wo beide als Vertreter der „Hammerskins Westsachsen“ erschienen. Bei Konzerten dieses Netzwerkes im Ausland werden des öfteren noch „Hammerskin Sachsen“-Fahnen aufgehangen. Offenbar reiste Gerlach in den vergangenen Jahren u.a. auch nach Spanien und in die Schweiz, um „Hammerskin“-Kontakte aufrecht zu halten.

Zugleich bestehen in Gerlachs persönlichem Umfeld alte „Blood & Honour“-Strukturen fort: Als 2010 und 2011 Daten aus einer „Blood & Honour“-Mitgliedskartei „geleakt“ wurden, war darin u.a. ein Enrico H. aus Ohrdruf aufgelistet, der mit Gerlach bekannt ist und in illegalen Nachfolgestrukturen aktiv zu sein scheint.

Solche Kontakte werden nach wie vor genutzt: Anlässlich des mehrfach veranstalteten „Fest der Völker“ in Thüringen traten internationale Rechtsrock-Bands und Neonazi-Redner aus dem „Blood & Honour“- und dem „Hammerskin“-Spektrum auf. Gerlach war bei diesem Event, das 2009 zum fünften und bisher letzten Mal stattfand, Mitorganisator an der Seite der Jenaer André Kapke und des bereits verhafteten Ralf Wohlleben.
Bis 2008 wurde dabei auch stets ein Transparent des „Thüringer Heimatschutzes“ aufgespannt.

Bei etlichen weiteren Events sind Gerlachs und Schefflers Kontakte zu „Hammerskins“ und „Blood & Honour“ bis heute gefragt: Für den „JN-Sachsentag“ am 5. Juni 2010 in Dresden, ausgerichtet vom NPD-Jugendverband und organisiert durch deren sächsischen Chef und „Freies Netz“-Anführer Tommy Naumann, wurden gleich mehrere berüchtigte Bands dieser Spektren gebucht. Unterstützt wurde diese Veranstaltung durch den bereits erwähnten Yves Rahmel sowie den Pirnaer JN- Funktionär und ehemaligen Anführer der „SSS“, Martin Schaffrath. Auch Schaffrath ist „Hammerskin“-Mitglied – und ein Bekannter Gerlachs.

Zuletzt, bei einer schließlich verbotenen Kundgebung von NPD und „Freiem Netz“ am 20. August 2011 vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal, sollte die szenebekannte „Hammerskin“-Band „D.S.T.“ („Deutsch, Stolz, Treue“) spielen, die sich mittlerweile zur Tarnung „XxX“ nennt. Als Kundgebungs-Redner beim selben Event angekündigt: der „Hammerskin“ und Gerlach-Vertraute Maik Scheffler. Erst kürzlich, am 29. November, wurden bei einer Großrazzia in Berlin und Velten mehrere tausend versandfertige „D.S.T.“-Alben beschlagnahmt.

Seit seiner Hochzeit im Jahr 2009 hat sich Gerlach weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er ist kaum noch bei rechten Veranstaltungen in Erscheinung getreten, fungiert nicht mehr als Anmelder oder dergleichen. Aktuell ist er mit dem Aufbau einer gutbürgerlichen Existenz mit Frau und Tochter in Meuselwitz befasst. In verschiedenen Statements versucht Gerlach zudem, sich als Aussteiger darzustellen. Tatsächlich hat er sich allerdings niemals von seinem neonazistischen Denken und Handeln distanziert.

Vielmehr überträgt Gerlach seine Gesinnung auf neue Betätigungsfelder, mittlerweile ist er als Fan der SG Leipzig Leutzsch bei vielen ihrer Spiele anwesend. Die SG Leipzig Leutzsch sorgte am 4. September bei einem Pokalspiel gegen den Verein Roter Stern Leipzig für einen Eklat, als deren Fans – unter ihnen Gerlach – Neonazi-Gesänge anstimmten.

Zuletzt nahm Gerlach am 19. Juni 2010 an einem Naziaufmarsch in Merseburg teil. Im April 2011 reiste er nach Portugal, um dort mit seinem Freund und Kamerad Oliver Riesen – selbst ein „Hammerskin“ – an einem „Hammerskins“-Konzert teilzunehmen. Gerlach pflegt nach wie vor intensive, nachweisbare Kontakte und Freundschaften mit bekannten Größen der Neonaziszene.


Ausschnitt aus einem NSU-Video

Nazi-Terror – Immer mehr Spuren führen in den Südwesten

Die Zwickauer Nazi-Terrozelle hat zur Untermalung eines ihrer menschenverachtenden Bekennervideos auf Musik der baden-württembergischen Band „Noie Werte“ zurückgegriffen. Auf dem Film, der von den Behörden rekonstruierten Festplatte der Nazis gefunden wurde, sind Lieder der Gruppe zu hören. Auf dem Bekennervideo aus dem Jahr 2001 sind nach Behördenangaben vier Morde an Männern türkischer Herkunft aufgeführt sowie der Nagelbombenanschlag auf MigrantInnen in Köln. Zur Untermalung wurden die „Noie Werte“-Machwerke „Kraft für Deutschland“ und „Am Puls der Zeit“ verwendet.

Vom Rechtsrocker zum Rechtsanwalt

„Noie Werte“ ist eine Band mit einer langen Karriere im Rechtsrock-Geschäft. Bereits Ende der 1980er Jahre wurde sie in der Nähe von Stuttgart gegründet und zählt damit zu den dienstältesten Nazi-Bands in der BRD.
Kopf und Sänger der Band, die sich im Dezember 2010 offiziell aufgelöst hat, war der Rechtsanwalt Steffen Hammer.

Der Jurist Hammer arbeitet für die Rechtsanwaltskanzlei H3, die Büros in Stuttgart und Rastatt unterhält. Die Kanzlei – vor allem ihr Rastatter Ableger „Harsch & Kollegen“ – war bereits im Jahr 2007 in den Fokus antifaschistischer Gruppen geraten. Zu den MandantInnen sollen nahezu alle führenden Neonazis aus Nordbaden gehören, darunter Pablo Allgeier (Führer der „Rastatter Kameradschaft“ und ehemaliger Aktivist der „Kameradschaft Karlsruhe“) und Hartwin Kalmus (Vize-Chef der „Blood & Honour“-Sektion Baden und Rechtsrock-Geschäftsmann).

H3-Anwalt Alexander Heinig (Rastatt) verteidigte unter anderem Sebastian Räbiger, führendes Mitglied der 2009 verbotenen rassistischen, offen nazistischen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ). Räbiger hatte 2010 vor dem Bundesverwaltungsgericht gegen das vom Innenministerium ausgesprochene Verbot der HDJ geklagt, war aber vor Gericht gescheitert – das Verbot besteht weiterhin.

Eine Anwältin und die Jenaer NPD

In der Kanzlei H3 ist auch die ehemalige NPD-Funktionärin Nicole Schneiders beschäftigt, die vergangene Woche die Verteidigung ihres (früheren?) NPD-Kameraden Ralf Wohlleben übernommen hat. Wohlleben war als Unterstützer der Nazi-Terrorzelle verhaftet worden. (Schneiders im „Stern“ und in der Thüringer Allgemeinen)

Schneiders, geborene Schäfer, hat in Jena studiert und wechselte Ende der 1990er Jahre nach Mannheim, um dort ihr Studium abzuschließen. 2003 lebte sie im gleichen Haus wie der Mannheimer Nazi-Skinhead und NPD-Funktionär Christian Hehl. Weitere Mitbewohner waren der für seine Gewaltbereitschaft bekannt Neonazi Ludwig Graf sowie der Aktivist der „Kameradschaft Karlsruhe“ Dominik Schneiders, ihr späterer Ehemann.

Nicole Schneiders tauchte mehrfach im Zusammenhang des Nazi-Zusammenschlusses „Aktionsbüro Rhein-Neckar“ (ABRN) auf. Im gehackten internen Forum des ABRN wird von AktivistInnen immer wieder auf die rechtliche Hilfe durch die „Kameradin“ Nicole hingewiesen. Diese empfahl ihren GesinnungsgenossInnen im gleichen Forum die Rastatter Kanzlei „Harsch & Kollegen“ bei rechtlichen Problemen.

Zuletzt verteigte Nicole Schneiders den Neonazi Matthias Herrmann bei einem Prozess im Februar 2011 vor dem Heidelberger Landgericht.
Herrmann, der wie Schneiders aus Jena stammt und Ende der 1990er Jahre nach Mannheim zog, unterhält gute Kontakte zu seinen Thüringer Kameraden und ist einer der Köpfe hinter dem „Aktionsbüro Rhein-Neckar“. Er wohnt zurzeit im Haus der rheinland-pfälzischen NPD-Vorsitzenden Dörthe Armstroff in Weidenthal (Kreis Bad Dürkheim). Armstroff selbst stammt aus der Gemeinde Zeitz (Sachsen-Anhalt) – rund 60 Kilometer von Jena entfernt.

Die Achse Karlsruhe – Jena

Aber nicht nur aus der Rhein-Neckar-Region führen die Spuren nach Jena. Aktivisten der „Kameradschaft Karlsruhe“, der ältesten „freien Kameradschaft“ in der BRD, haben ebenfalls einen guten Draht nach Thüringen.

So zählte der Kameradschaftsaktivist Martin Schild neben zahlreichen anderen Neonazis aus Jena auch den inhaftierten Ralf Wohlleben zu seinen Kontakten. NPD-Funktionär Patrick Wieschke, der im Zuge der Ermittlungen zur Nazi-Terrozelle auch ins Visier der Behörden geraten ist, scheint ebenfalls zu Schilds Bekannten zu gehören.

Auf einer der Antifa Anfang der 2000er Jahre zugespielten Telefonliste Schilds findet sich neben Wieschkes Telefonnummer auch der Vermerk „Dönerbomber, NPD“.
Auf derselben Liste findet sich auch Nicole Schneiders (noch unter ihrem Mädchennamen Schäfer) mit einer Jenaer Telefonnummer wieder.


»Führerloser Widerstand«…

Das Neonazi-Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe agierte scheinbar nach dem Konzept des »führerlosen Widerstands«, über den in der damaligen Szene intensiv debattiert wurde. Diese Form der Organisierung, wurde nicht nur in den USA durch die Organisation »White Aryan Resistance« propagiert. Auch in Europa gab es mit der zum Musiknetzwerk »Blood & Honour« gehörenden Gruppierung »Combat 18« eine Organisation, die mit Waffengewalt die bestehenden Verhältnisse kippen wollte. Die englischsprachigen Schriften von »Combat 18«, die neben Anleitungen zum Bau von Bomben und Namenslisten von politischen Gegner_innen, auch Handlungsempfehlungen zum Aufbau von Terror-Zellen enthielten, kursierten in der gesamten deutschen Neonazi-Szene. Neben den Anleitungen von »Combat 18« kursierten auch Schriften der »White Wolves«, einer britischen Splittergruppe der Organisation. In den Papieren wird den »Aktivisten« empfohlen, den »Rassenkrieg« durch Anschläge gegen Migrant_innen zu starten und in kleinen, überschaubaren Zellen zu agieren. Überhaupt scheinen die damaligen »Blood & Honour«-Strukturen eine nicht unbedeutende Rolle bei der Sozialisation und Unterstützung des Trios gespielt zu haben. So sollen Böhnhardt und Mundlos, nicht nur Mitte der 1990er Jahre bereits Konzerte für die Organisation veranstaltet haben. Durch einen V-Mann in Brandenburg und durch Telekommunikationsüberwachung, sollen die Behörden zwischen 1998 und 2000 Hinweise gesammelt haben, dass ein Kader des Musiknetzwerks mit Geld aus Konzerteinnahmen, Waffen für das Trio im Untergrund organisieren sollte.

…»leaderless resistance« hat eine mörderische rechtsradikale Geschichte

Zwischen der „Wall Street in New York und der Seitenstraße Am Schafrain im Eisenacher Stadtteil Stregda liegen genau 6273 Kilometer Luftlinie. Auch sonst sind das Zentrum des weltweiten Kapitalismus und das Neubaugebiet mit Blick auf die Wartburg weit voneinander entfernt – einmal davon abgesehen, dass gerade an beiden Orten Camping-Ausrüstung eine schlagzeilenträchtige Rolle spielte. Nahe der Wall Street hatten die Kapitalkritiker der Occupy-Bewegung ihre Zelte aufgeschlagen. In Eisenach fand die Thüringer Polizei ein Wohnmobil und darin die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die beiden hatten, wie sich herausstellte, den Kern einer neonazistischen Terrorzelle gebildet.

Beide Ereignisse haben nichts miteinander zu tun. Aber ein Begriff verbindet sie doch: leaderless resistance. Als Bewegung des „führerlosen Widerstands“ bezeichnen sich die Leute des amerikanischen Occupy-Wall-Street-Netzwerks selber. Damit wollen sie ausdrücken, dass „echte Menschen echte Veränderung von unten her“ bewirken wollen, ohne auf die Anleitung durch politische Führer angewiesen zu sein. Leaderless resistance steht hier für eine im Anspruch weitgehend hierarchiefreie, mir lose organisierte Graswurzel-Bewegung, die vor allem der Unmut gegen die Auswüchse des Börsen-Kapitalismus und der gemeinsame Wunsch nach einer gerechteren Weltordnung eint – und der sich jeder, der protestierend auf die Straßen und Plätze New Yorks, Kairos, Athens, Madrids oder Frankfurts geht, zugehörig fühlen darf.

Doch der Begriff hat eine düstere, sehr blutige Seite. Leaderless resistance bezeichnet nämlich auch eine Form des Terrorismus, die zunehmend an Bedeutung gewinnt – ob als leaderless jihad islamistischer Terroristen der zweiten Generation nach Al-Qaida oder als Terror-Strategie rechtsextremer Gewalttäter. Vieles spricht dafür, dass die Serienmörder aus Thüringen sich vom Konzept des „führerlosen Widerstands“ zu ihren Terrortaten inspirieren ließen.

Denn seine Karriere hat der Begriff Rechtsaußen gemacht. Es waren Rassisten und Neonazis, die das ursprünglich im Kalten Krieg von einem amerikanischen Geheimdienstmann geprägte Wortpaar am begierigsten aufgriffen. Ulius Louis Amoss, im Zweiten Weltkrieg hoher Offizier im Geheimdienst OSS, hatte 1953 ein Analysepapier mit dem Titel „Leaderless Resistance“ verfasst. Darin setzte er sich mit der Wirkungslosigkeit antikommunistischer Widerstandsgruppen im Ostblock auseinander, die sich all zu leicht von sowjetischen Sicherheitskräften infiltrieren und zerschlagen ließen. Hierarchisch organisierte Untergrundzellen traditioneller Art seien zu verwundbar, folgerte Amoss: „Wir brauchen keine Führer, wir brauchen führende Ideen. Diese Ideen schaffen Führer“ und kleine, völlig unabhängig voneinander operierende Widerstandsgrüppchen, die Amoss „Phantomzellen“ nannte.

Amoss, erzkonservativer Antikommunist, aber sicher kein rechtsextremer Umstürzler, starb 1961. Aber sein Konzept regt bis heute die Aufstands-Phantasien in jenen ultrarechten Kreisen Amerikas an, die schon die pure Existenz des Staates als quasi kommunistische Bedrohung betrachten. 1983 kramte Louis Beam das obskure Papier wieder hervor und formulierte daraus eine Strategie für den bewaffneten Kampf gegen die von den weißen Rassisten als „zionistische Besatzer“ geschmähte Bundesregierung in Washington. Jedes einzelne Mitglied der Bewegung trage hier die Verantwortung dafür, im rechten Moment-‘Zuschlägen zu können: „Diese der Sache der Freiheit wahrhaft verpflichteten Idealisten werden handeln, wenn die Zeit reif ist“ – nicht geführt durch eine Organisation, sondern allein verbunden durch ein loses Netzwerk aus unabhängigen Zeitungen, Flugblättern und Computern. Als „ Großdrache“ des rassistischen Ku Klux Klan bildete Beam paramilitärische Kämpfer für Guerilla-Aktionen aus. Als Wortführer des Rassisten-Bundes Aryan Nations begann er, im Internet die ersten rechtsextremen Hass-Plattformen aufzubauen, und veröffentlichte Pamphlete, die keinen Zweifel an seiner mörderischen Gesinnung ließen – mit Titeln wie: „Warum wir die Bastarde töten müssen“.

Andere amerikanische Rechtsextremisten radikalisierten Beams Terrorstrategie noch. Tom Metzger, Gründer des neonazistischen Trupps White Aryan Resistance, und der Rassist Alex Curtis rieten ihren Anhängern, als „einsame Wölfe“ Gewalttaten zu begehen, um der Entdeckung durch verdeckte Ermittler zu entgehen. Den Hasspredigten folgten Anschläge: 1995 sprengte der Rechtsextremist Timothy McVeigh ein Amtsgebäude in Oklahoma City in die Luft, 168 Menschen starben. McVeigh hatte Mittäter, aber tiefere terroristische Strukturen konnten die Ermittler nicht nachweisen.

Es war der schlimmste Terroranschlag in der US-Geschichte bis zum 11. September 2001. Aber auch Untersuchungen des islamistischen Terrors stießen bald auf Phänomene, die dem Konzept des leaderless resistance sehr ähnlich sahen. Die 9/11-Attentäter ließen sich zwar noch einer traditionell geordneten Terrortruppe zuordnen: der vom Emir – auf Deutsch: Befehlshaber – Osama bin Laden bis hinunter zum einzelnen Terrorkämpfer nahezu armeeähnlich strukturierten Al-Qaida. Die vier jungen Muslime aus dem mittelenglischen Leeds dagegen, deren Bomben 2005 in London 52 Menschen töteten, hatten sich unabhängig radikalisiert. Um sie zur Mordtat zu treiben, genügte jenes Grundrauschen, das Hasspredigten, Hasswebseiten und andere islamistische Netzwerke vor allem im virtuellen Raum verbreiten. Die vier Freunde bildeten eine jener „Phantomzellen“, von denen Amoss raunte.

Der Ex-CIA-Mann Marc Sageman hat das Schlagwort vom leaderless jihad geprägt, um terroristische Gefahren zu erklären, denen sich westliche Regierungen heute zu stellen haben: einem Heiligen Krieg, zu dem sich einzelne Radikale Ideologie und Knowhow per Mausclick aus dem Internet holen. Tatsächlich scheinen Attentate auch hierzulande die zunehmende Bedrohung durch solche sich selbst radikalisierende Täter zu belegen: Der junge Kosovo-Albaner Arid U., der im März zwei US-Soldaten auf dem Frankfurter Flughafen erschoss, war wohl ein solcher Einzeltäter.

Diese Entwicklung beunruhigt die Sicherheitsbehörden – allerdings seltsamerweise bisher nur, wenn die Terroristen aus der islamistischen Szene kommen. Nach Anschlägen von Rechtsextremisten diente die These vom verirrten Einzeltäter allzu oft der Beruhigung des Publikums. Das war schon der Fall, als die Bombe des Neonazis Gundolf Köhler 1980 auf dem Oktoberfest 13 Menschen zerriss. Köhler war eben nicht allein: 1982 richtet der Rechtsextremist Helmut Oxner in der Nürnberger Innenstadt seine Waffe gezielt auf Ausländer und tötet drei Menschen. Der Berliner Neonazi Kay Diesner verletzt 1997 einen linken Buchhändler schwer und ermordet auf der Flucht einen Polizisten. Der Dortmunder Neonazi Michael Berger erschießt im Jahr 2000 drei Polizisten. Asylbewerberheime und Häuser von Migrantenfamilien werden angezündet. Obdachlose und Punker erschlagen.

Dieser Terror muss nach dem Konzept des leaderless resistance nicht geplant sein. Und es ist sehr fraglich, ob jeder rechtsextremistische Schläger je davon gehört hat. Aber in der Szene der Neonazi-Kameradschaften, aus der die Thüringer Serienmörder stammen, kursiert es schon lange. Das Field Manual des europäischen Nazi-Netzwerks Blood & Honour setzt sich seitenweise mit Terror-Aktionen auseinander und kommt zu dem Schluss: In einigen Länder sei leaderless resistance „hoch empfehlenswert“, in anderen – „wie Deutschland“ – sogar „ein Muss für den eingefleischten Nationalsozialisten“.

Im Umfeld von Blood & Honour bildete sich 1992 ein weiteres Netzwerk, das seine gewalttätige Militanz bereits im Namen propagierte: Combat 18 – die 18 steht natürlich für die Lettern A wie Adolf und H wie Hitler. „C 18 muss als der bewaffnete Arm der Bewegung agieren“, heißt es in einem Blood & Honour-Handbuch. Das ist nicht bloßes Säbelrasseln: 2003 zerschlug die Polizei in Schleswig-Holstein eine Gruppe, die sich „Combat 18 Pinneberg“ nannte. Bei Durchsuchungen wurden auch Waffen gefunden, doch die Köpfe der Bande kamen mit Bewährungsstrafen davon.
In Deutschland ist Blood & Honour seit 2000 verboten. Doch verbieten ließen sich per Verfügung nur die „deutsche Division“ des Netzwerks, nicht die Verbindungen, die führende Figuren der Szene weiterhin pflegen – vor allem in den so genannten Freien Netzen. Von hier aus führen die Spuren ins unmittelbare Umfeld der Thüringer Terrorzelle: zu Ralf Wohlleben, derzeit unter dem Verdacht in Haft, die Terroristen unterstützt zu haben. Der Neonazi und ehemalige NPD- Landesvize aus Jena hatte engste Kontakte zur Szene um Blood & Honour. Von 2005 bis 2009 organisierte er das „Fest der Völker“, dort traten Bands und Redner aus ganz Europa auf, die dem Blut-und-Ehre-Netzwerk zuzurechnen sind. Noch ist nicht ermittelt, wie viele Mitglieder, wie viele Helfer und welche Strukturen die Thüringer Zelle hatte. Doch die Vermutung liegt nahe, dass einem wie Wohlleben das Konzept des leaderless resistance nicht fremd ist. Mit „Leaderless resistance, fight for Combat 18“, ruft die Neonazi-Band Frontsturm zu bewaffneter Gewalt auf, „für den Kampf ums Reich.“ Es klingt paradox und erweist sich doch als mörderisch: führerloser Terror für den Führerstaat.

Ein weiterer Hinweis ist das »Fest der Völker«, ein internationales Rechtsrock-Event, das seit 2005 über mehrere Jahre in Thüringen stattfand. Dort traten regelmäßig Redner und Bands aus dem »Blood & Honour«-Milieu aus ganz Europa auf, auch aus Skandinavien und Osteuropa, wo sich das Trio zwischenzeitlich aufgehalten haben soll. Als Organisatoren traten vor allem zwei ehemalige Kader der »Kameradschaft Jena« auf. Einer von ihnen ist der inhaftierte Ralf Wohlleben.


Viele Fragen bleiben unbeantwortet

Weltweit berichten Medien über die Taten und Strukturen des »Nationalsozialistischen Untergrunds« und die Behörden präsentieren nahezu täglich neue Ermittlungsergebnisse. Doch viele Fragen bleiben offen. So ist die Rolle des Verfassungsschutzes und seiner V-Leute noch immer undurchsichtig und wird wohl nie abschließend geklärt werden können, da Akten vernichtet worden sein sollen und sich verschiedene Landesbehörden gegenseitig die Schuld zuschieben. Ebenso ungeklärt ist der Zeitraum zwischen Sommer 2007 und September 2011. Was machte das Trio in dieser Zeit?

Einer entscheidenden Frage sind die FahnderInnen derzeit auf der Spur: Gibt es womöglich weitere Zellen in Deutschland? So soll es in Deutschland rund 160 untergetauchte Neonazis geben, deren Verbleib nie geklärt werden konnte. Unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete die »tageszeitung« (taz) im Dezember 2011, dass ein Teil dieser Untergetauchten nicht gefährlich sei. Inwieweit man dieser Einschätzung glauben schenken kann, ist fraglich, zeigt der aktuelle Fall doch, dass man sich auf die Analyse und Ermittlungen der Sicherheitsbehörden nicht verlassen kann.

Die Masse der Medien und verschiedene staatliche Behörden halten weiterhin das Bild einer einzelnen Zelle der NSU, mit einem unübersichtlichen Unterstützerkreis aufrecht. Ein Blick zurück auf die Erkenntnisse der letzten Jahre zeichnen allerdings ein anderes Bild. Laut einem Artikel des Blogs dasDossier lassen sich durch einzelne Berichte in den Medien und zurückliegenden Antifa-Recherchen eindeutige Schlüsse auf ein festes und in der gesamten Bundesrepublik verankertes Netzwerk ziehen. Die These einer von der rechten Szene abgekoppelt agierenden Zelle ist nicht mehr länger haltbar.
Blood & Honour, Hammerskins und Combat 18 sind bekannte internationale Netzwerke, die personell eng mit den 3 Nazis Mundlos, Böhnhard und Zschäpe verbunden waren.
Beispiel Ralf Wohlleben – laut Spiegel einer der engsten Unterstützer der NSU organisierte in Jena „Das Fest der Völker“, bei dem neben bekannten Musikern auch Vertreter des Blood & Honour Netzwerkes als Redner auftraten. Daneben war er Mitorganisator des Thüringer Heimatschutzes (THS), ursprünglich als Anti-Antifa-Ostthüringen gegründet. Mit dem Zusammenschluss Westthüringer Nazikameradschaften zu einem einflussreichen und militanten Netz aktiver „Freier Kräfte“ gewachsen. Hier waren Mundlos, Bönhard und Zschäpe aktiv und fanden ihre politische Heimat. Aus einem Interview im Jahr 2001 zwischen dem bekennenden Anhänger der Apartheid Claus Nordbruch und dem Nazi Magazin „Blood & Honour“ geht hervor, dass eine Delegation des THS in Südafrika auf Nordbruchs Ranch Ende der 90iger Jahre ein Waffentraining absolvierten. (Das braune Herz Deutschlands, Rechtsextremismus in Thüringen; 2001 S.29f.)
Ein weiterer wichtiger Akteur ist Thomas Gerlach, einer der Mitorganisatoren des Fest der Völker und somit auch bestens bekannt mit Wohlleben. Ein erst kürzlich veröffentlichte Hack des „Freien Netzes“, belegt, dass er ein zentraler Führungskader innerhalb der bundesdeutschen Kameradschaftsszene ist (siehe dazu gamma – antifaschistischer newsflyer für Leipzig und Umgebung). Daneben verfügt er über beste Kontakte zum Label Chemnitz Concerts 88 dessen Betreiber Jan Botho Werner u.a. Waffen für die NSU besorgt haben soll. Gerlach war Mitorganisator des Thüringer Heimatschutzes, des Kampfbunds Deutscher Sozialisten, aktives Mitglied in der HNG (der Gefagnenhilfe der Nazis) und der Hammerskins in Sachsen. Auffallend ist die Nähe Gerlachs zu Mandy Struck (er verwendete ihren Namen als Passwort bei verschiedensten Accounts), die ihre Identität Beate Zschäpe überließ (mehr zu Gerlach und Mandy Struck findet sich bei Venceremos). Neben der Nähe der NSU zu Führungspersonen der Deutschen Kameradschaftsszene deuten aber auch andere Hinweise für ein größeres Netzwerk. So wurden die Bekenner DVD´ in Völklingen und Nürnberg perönlich eingeworfen. In Nürnberg alleine wurden drei Morde begangen und mit der Fränkischen Aktionsfront (FAF) existiert auch hier ein relativ großes Netzwerk militanter Nazikameradschaften. Die Nähe der FAF zur Thüringer Naziszene ist vielfältig, so referierten z.B. die Kader Matthias Fischer und Tony Gentzsch auf dem 8. Thüringentag in Arnstadt 2009, Veranstalter war hier übrigens Ralf Wohlleben.
In Völklingen wird derzeit eine Serie von Wohnhausbränden untersucht, auch Anschläge in Düsseldorf, Duisburg und Saarbrücken rücken erneut in den Fokus. Kennzeichnend bei allen Morden und Anschlägen der letzten Jahre ist das Fehlen eines Bekennerschreibens, welches explizit als Leaderless Resistance Strategie bei Combat 18 anfang der 90iger Jahre formuliert wurde (Nachzulesen beim VVN/BdA NRW).
Diese Bruchstücke verdeutlichen einen größeren ideologischen und personellen Zusammenhang auch über die einzelnen Kameradschaften hinaus. Die oftmals nach außen hin zerstritten wirkende Naziszene war in der Lage über Jahre hinweg eine professionell agierende Gruppe unentdeckt (die vielfältige Beteiligung staatlicher Stellen wird an dieser Stelle nicht näher betrachtet, siehe dazu die Recherche bei dasDossier) durchzubringen und zu versorgen. Gerade einzelne Kader und ihre jeweiligen Kameradschaften haben funktionierende Netze geschaffen die abseits der öffentlichen Wahrnehmung agieren. Deshalb ist der Wert der lokalen Antifarecherchen und der sog. Datenantifa umso höher, denn gerade sie sind es die diese Netzwerke offenlegen können. Musikveranstaltungen, Kongresse und Internetforen sind die Verbindungsstellen der vernetzten Kader und gerade die lokalen/online Recherchen liefern bei der Betrachtung des aktuellen Falls deutlich mehr Erkenntnisse und Zusammenhänge als die sogenannten investigativen Medien. Es gilt also diese Recherchearbeit hochzuhalten und die Erkenntnisse weiter zusammenzuführen.

Den Nazis keine ruhige Sekunde und keinen Fußbreit auf der Straße oder sonstwo !!!
NO PASARAN – SIE KOMMEN NICHT DURCH !!!

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alle infos zur repression gegen die Antifaschisten aus Darmstadt auf dem Soli-blog

Heute morgen (30.3.2010) wurden in Darmstadt zeitgleich um 6:00 Uhr mindestens vier Wohnungen von der Polizei unter Federführung des Darmstädter Staatsschutzes, Dezernat ZK 10, durchsucht.

Den Betroffenen wird gemeinschaftlicher Landfriedensbruch in besonders schwerem Fall, gefährliche Körperverletzung und Hausfriedensbruch zur Last gelegt.
Die Ermittlungen richten sich laut der Durchsuchungsbeschlüsse „gegen 20 Personen der Antifa Darmstadt“, die am 21.11.2009 bei einem Fußballspiel ca. 30 rechtsradikale Anhänger des Vereins Eintracht Wald-Michelbach angegriffen haben sollen.

Drei der Beschuldigten wurden vorläufig festgenommen und zu Befragung und ED-Behandlung in das Polizeipräsidium Südhessen in der Klappbacher Strasse in Darmstadt gebracht. Der vierte wurde bei der Durchsuchung nicht in seiner Wohnung angetroffen. Es wurden ausschließlich Kleidungsstücke beschlagnahmt, welche die Beschuldigten angeblich zur Tatzeit getragen haben sollen.

Keiner der Beschuldigten hat sich zu den Tatvorwürfen geäußert, es wurde lediglich Einspruch gegen die ED-Behandlung und die Speicherung dieser Daten eingelegt. Danach wurden alle wieder auf freien Fuß gesetzt.

Nach Akteneinsicht wird über das weitere Vorgehen entschieden und entsprechende Schritte eingeleitet.

KEINE AUSSAGEN BEI POLIZEI UND STAATSANWALTSCHAFTT!!!

KEINE ZUSAMMENARBEIT MIT STAATLICHEN REPRESSIONSBEHÖRDEN!!!

GETROFFEN HAT ES EINIGE, GEMEINT SIND WIR ALLE!!!


Am 26. Juni wird in Darmstadt eine Demonstration als Auftakt der Kampagne „Repression gegen Linke und Antifaschistische Strukturen stoppen!“ stattfinden. Die Auftaktkundgebung ist um 14:00 Uhr am Hauptbahnhof. Anlass zu der Kampagne geben vor allem mehrere Hausdurchsuchungen und Strafverfahren gegen AntifaschistInnen, die im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung bei einem Fußballspiel des DJK/SSG Darmstadt gegen Eintracht Wald-Michelbach am 21.11.2009 stehen.

Wir möchten im Zuge der Kampagne den politischen Hintergrund dieses Vorfalls in den Vordergrund rücken. Dieser wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen oder sogar geleugnet. Im Darmstädter Echo vom 24. November 2009 hatten sich unbekannte AntifaschistInnen bereits zu der Aktion bekannt und deutlich gemacht, dass die Aktion einen antifaschistischen Hintergrund hatte. Auch auf einem Foto, welches sich in dem Fan-Forum ultras.ws findet, ist das Grüppchen deutlich mit einer schwarz-weiß-roten Reichsfahne zu sehen, wie sie heutzutage nur noch von Nazis genutzt wird


(Quelle: http://www.ultras.ws/djk-ssg-darmstadt---eintracht-wald-michelbach-211109-t6923-s16.html).

In einem Schreiben der Polizei an mehrere der Angeklagten, in dem ihnen die Begründung für die Ablehnung ihres Widerspruchs gegen die Speicherung der Daten der erkennungsdienstlichen Behandlung mitgeteilt wurde, wird dennoch geleugnet, dass es bei dieser Gruppe auch nur teilweise um Nazis gehandelt haben könnte. Begründet wird dies damit, dass die Vereinsfarben von Wald-Michelbach eben schwarz-weiß-rot seien. Das ist aber einfach nicht wahr, diese sind nur schwarz-rot (Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Eintracht_Wald-Michelbach).

Die Person ganz links auf dem Bild trägt zudem eine schwarze Fahne mit dem weißen Aufdruck „Odenwald“ in alt-deutscher Schrift. Dies mag unproblematisch wirken, es handelt sich jedoch um eine Fahne der so genannten „Freien Kräfte/Freien Kameradschaften“ und ein eindeutig rechtsradikales Symbol, welches auf jedem Naziaufmarsch zu sehen ist. Es ist also mehr als offenkundig, dass es sich hier um eine politische Auseinandersetzung gehandelt hat. Die Hausdurchsuchungen und Strafverfahren sind also eindeutige Angriffe gegen linke und antifaschistische Strukturen. Wir solidarisieren uns mit den von Repression getroffenen AntifaschistInnen und fordern die Einstellung der Strafverfahren!